Taxi Driver

Taxi Driver - Theaterhaus-Jena - Choreographie Kampfszenen - 2016
"Taxi Driver - Die Zeit der totalen Mobilmachung hat begonnen" im Theaterhaus Jena
Premiere Donnerstag, 28.01.2016, Hauptbühne
Mit: Leander Gerdes, Benjamin Mährlein, Klara Pfeiffer, Maciej Zera und Oliver Jahn
Regie: Sebastian Martin
Bühne und Kostüme: Kaja Bierbrauer
Video: Bastian Klügel
Musik: Oliver Jahn
Dramaturgie: Diana Insel
theaterhaus-jena.de
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Taxi Driver – Das Theaterhaus Jena bezieht Martin Scorseses Filmklassiker über einen paranoiden Einzelgänger auf die Pegida-Gegenwart
Ich will einen großen Knall!
von Michael Isenberg
Aus dem Schatten des Vietnamkriegs ins Dunkel der Pegida
Der Regisseur Sebastian Martin und die Dramaturgin Diana Insel haben den Film "Taxi Driver“ von Martin Scorsese nach einem Drehbuch von Paul Schrader für das
Theaterhaus Jena adaptiert und mit einer guten Portion Fremdtexten versehen, die den Stoff aus dem Vietnam-Nachkriegs-Amerika der 1970er-Jahre in die Gegenwart
der selbsternannten "patriotischen Europäer" holen.
Der Einzelgänger Travis ist hier ein Verlierer auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt, für den nach einem erniedrigenden Bewerbungsverfahren "nur" der Job eines
Taxifahrers rausspringt. Travis ist einer von vielen, ist auf der Bühne also konsequenterweise nicht nur einmal, sondern gleich dreimal vertreten. Benjamin
Mährlein verkörpert ihn mit einer militanten, doch gleichsam geheimnisvollen Biederkeit, Leander Gerdes mit jugendlichem Protestgestus – ein Deutschlandfähnchen
auf den Parka aufgenäht – und Maciej Zera mit naiver, fast schon sympathischer Prolligkeit.

Liebesbemühungen: Betsy (Klara Pfeiffer) und Travis (Benjamin Mährlein) © Joachim Dette
Wir sehen Travis beim Besuch eines Sexkinos. Während er bei Scorsese eher teilnahmslos dem Stöhnen zuschaut, kriegen wir hier noch obendrauf eine Massage mit
slapstickartig missglücktem Happy End erzählt. In verzweifelt pubertären, letztendlich zum Scheitern verurteilten Liebesbemühungen nähert sich Travis Betsy
(Klara Pfeiffer) der attraktiven Wahlkampfhelferin des Präsidentschaftskandidaten Palantine. Mährlein schlüpft auch in die Rolle des schmierigen Populisten
(oder ist der nur Travis' Projektion?), spreizt die Finger zum angedeuteten Hitlergruß und sondert immer wieder, teils etwas plump hineinmontiertes,
nationalistisches, rassistisches und homophobes Textgemisch zwischen Lutz Bachmann, Björn Höcke, Jürgen Möllemann (!) und Xavier Naidoo ab.
Da wird ein richtiger Regen kommen
Und wie in Scorseses Film verstrickt sich der Niemand Travis mehr und mehr in der Attraktivität jener politischen Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien,
gepaart mit aus privaten Minderwertigkeitsgefühlen gespeistem Heldenwahn: "Ich will einen großen Knall – ganz dringend." Sehnsucht nach einem Regen, der
"den ganzen Dreck" wegspült. Dem Team des Abends gelingt es mit reduzierten Mitteln – nur in wenigen Momenten zu holzschnittartig und zu beflissentlich
analogisierend – die Filmhandlung auf der Text- und Bildebene unmittelbar ins Hier und Jetzt zu holen. Unweigerlich denkt man bei Travis an selbsternannte
Bürgerwehren und Einzeltäter wie Anders Breivik oder Frank S., der die Kölner Bürgermeisterin Henriette Reker im Herbst letzten Jahres mit einem Messer attackierte.
Neben dem abstrakt gehaltenen Bühnenraum (Ausstattung: Kaja Bierbrauer, Video: Bastian Klügel), einer immer rutschiger werdenden Rampe in einem Pfützenmeer
und einer bedrohlichen Soundkulisse zwischen Schubert, Tinnitus und Volkslied (Musik: Oliver Jahn), sind es vor allem die Doppel- und Mehrfachbesetzungen,
die dem Abend die nötige Tiefe und Vielschichtigkeit jenseits vordergründiger Aktualisierung verleihen. Travis ist hier kein undurchsichtiger Cowboy im
Werden wie Robert De Niro im Film, sondern ein zerrissener Mensch, der unterschiedliche Wege einschlägt und sich an sich selber aufreibt. Aus der berühmtesten
Szene des Filmes, dem Duell Travis' mit seinem Spiegelbild, macht Martin ein nicht enden wollendes Duell Mann gegen Mann plus Souffleur.

Identität: Leander Gerdes, Maciej Zera und Benjamin Mährlein (hinten) spielen den Einzelgänger Travis © Joachim Dette
Auch Klara Pfeiffer ist mehr als die reine Engelsgestalt Betsy im Brautkleid. Sie schlüpft in die Rolle des perversen Fahrgasts, des zuvorkommenden Waffenhändlers
oder der dem allgemeinen Männlichkeitswahn ausgelieferten Prostituierten. Ihr Opfermythos ist das Gewand, in das sich gegen Ende des Abends eine der Travisfiguren
kleidet, um, letztlich ermordet von einem anderen Travis, selbstgerecht für die Wahrheit – die Wahrheit reduziert auf ein AfD-Grundsatzprogramm – zu sterben.
Eine mögliche Lesart dieser perfiden Schlusspointe: Im Kampf für die eigene Interpretation von Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit kann dem
Wahnhaften nur jede erdenkliche Rolle recht sein – egal ob Rächer oder Märtyrer.
Ohne Zweifel ist dies nicht bloß ein weiterer Theaterabend, der versucht die Pegida mit ihren stumpfen Parolen und simplen Verschwörungstheorien auf die Bühne zu
zerren, sondern insgesamt ein kluger, mit großer Präzision realisierter Versuch, das Individuum, die Sehnsucht des Einzelnen nach gesellschaftlicher Bedeutung –
und sei es mit den Mitteln des Hasses und der Gewalt – in den Mittelpunkt zu rücken. Am Ende hält der Abend keine Lösung parat, aber gewährt immerhin einer der
Travisfiguren einen kurzen Moment des verantwortungsvollen Selbstzweifels. Doch leider ist es da schon zu spät.
:: theaterkompass.de ::
1976 war ein gutes Jahr für das Hollywood Kino. In diesem Jahr wurden „Der Marathon Mann“, „Carrie“, „Taxi Driver“, „Die Unbestechlichen“, „Network“, „Rocky“
und „Flucht ins 23. Jahrhundert“ veröffentlicht – Filme, die noch heute als Meilensteine ihres jeweiligen Genres gelten und die eins gemeinsam haben: Die
Protagonisten und Protagonistinnen versuchen allein und gegen alle Widerstände in einer kaputten Welt Gerechtigkeit, Freiheit und sogar Glück zu finden.
Ein Film sticht wegen seiner Radikalität, seiner Wirkung und seiner Qualität aus dieser Liste heraus: „Taxi Driver“.
Martin Scorseses Film zeichnet das Psychogramm eines Soziopathen, der zum Helden einer Stadt avanciert, die anscheinend im Chaos zu versinken droht.
Der Taxifahrer Travis Bickle wurde für viele Fans zu einer Art Avantgarde des Durchgreifens.
Bickle probt den Aufstand der Anständigen, erst allein vorm Spiegel, dann öffentlich in einem heruntergekommenen Bordell. Er ist ein Schauspieler ohne Rolle,
dessen suchender Blick seine Umwelt langsam zum Spielort seines Dramas formt: Die Straßen werden zur Kulisse, die Zuhälter und Dealer seine Antagonisten, die
kindliche Prostituierte die zu rettende Unschuld.
Wir wohnen einer offenen Probe bei, einer Selbstfindung, die in der Auslöschung der Mitspieler gründet. 40 Jahre nach der Filmpremiere stellt sich die Frage,
wie allein der vermeintliche Einzelgänger wirklich ist, wenn die Werte, auf die er sich beruft, jeder konservative Politiker mit ihm teilt. Wie viel Travis
steckt im Wutbürger des Jahres 2016? Wie viel Mobilisierungspotential liegt in unserer Gesellschaft? In welchen Kleingärten, Hobbykellern, Büros und
Probebühnen hält sich Travis versteckt, um sein Comeback vorzubereiten?
Der Regisseur Sebastian Martin wurde 1976 in Leverkusen geboren und studierte Philosophie und Germanistik an der Universität zu Köln, dann Schauspielregie
an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Er inszenierte an der Schaubühne Berlin, dem Maxim Gorki Theater, dem Theater Bremen, Schauspiel
Stuttgart und dem DNT in Weimar. TAXI DRIVER ist seine erste Arbeit am Theaterhaus Jena.